Leben in der Stadt

Unser Konzept sieht eine Nachbarschaft mit rund 500 Personen vor, welche sich die Nahversorgung mit den Dingen des täglichen Bedarfs selber organisiert und damit einen wertvollen Beitrag zu einer gelebten 2000-Watt-Gesellschaft leistet. Für einen Neubau würden wir etwa eine Hektar benötigen – und damit eine ausserordentlich hohe Ausnützungsziffer erreichen.

Zürich: Vom Bahnhof bis zur Langstrasse

  • Zürich, Kreis 5: Ein nachbarschaftliches Quartier
  • Städtebauliches Experiment
  • 500 Menschen leben auf dem Ex-Carparkplatz
  • Lebensraum für 700 Menschen auf dem Areal der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage

  • Ein nachbarschaftliches Quartier

    Unmittelbar beim Hauptbahnhof Zürich soll ein Zukunftsquartier entstehen. Und damit würde Zürich sowohl der unter 2000-Watt-Gesellschaft gerecht, als auch vielbeachteter Vorreiter für mehr Lebensqualität im urbanen Raum.

    Was bringt ein solches Konzept dem Kreis 5?

    Ein gemütliches Quartierleben (Stichwort: Stadtidyll)
    Eine ökologisch nachhaltige Lebensweise (2000 Watt)
    Eine alltägliche, selbst bestimmte Nahversorgung
    Verbindung zum Land
    Platz und Kundschaft für Kleingewerbe, Handwerk, Handel, Gastronomie, Kunst und Kultur
    Weniger Verkehr
    Einen Beitrag zum Stadtumbau
    Mehr Vielfalt, Zugänglichkeit, Zentralität, Brauchbarkeit, Adaptierbarkeit, Aneignung sowie Interaktion, also wesentlich mehr Urbanität
    Mehr alltäglichen Zugang zu Gemeingütern und damit mehr Gestaltungsmacht überhaupt (Stichwort: Commons)
    Die entscheidende Frage ist also: werden sich die Quartierbewohner für ein solches Experiment begeistern können?

    Bahnhofsnahe Quartiere sind unter Druck, weil übergeordnete Nutzungen auf Grund der idealen Verkehrsanbindung sinnvollerweise dort angesiedelt werden. Ein Teil des Kreises 4 ist mit der Europaallee-Überbauung schon weitgehend umgekrempelt worden. Auch im vorderen Kreis 5 herrschen städtische, regionale und internationale Nutzungen vor: Schulen, Verwaltungen, Hotels, Vergnügungslokale, Shopping. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist also: soll der vordere Kreis 5 als Wohnquartier geopfert werden, damit übergeordnete Nutzungen hier noch mehr Platz finden? Oder: soll neben den übergeordneten Nutzungen ein lebbares Wohnquartier weiter bestehen?

    Diese Frage muss nüchtern beantwortet werden. Wenn es eine solche Nutzung gibt, die einen ökologischen oder anderen Vorteil für die ganze Stadt, die Region oder darüber hinaus bietet, dann kann der Vorschlag eines Wohnquartiers nicht mehr aufrecht erhalten werde. Allerdings hatte man nun seit 1982 Zeit sich Überlegungen zur Nutzung des Carparkplatzes zu machen. Zudem gibt es nun weitere Liegenschaften, wie die ehemalige Schule für Gestaltung, die neu genutzt werden könnten.

    Wir sind der Meinung, dass Wohnen an zentraler Lage durchaus sinnvoll ist. Die Expansion der übergeordneten Nutzungen hat ihren Sättigungspunkt erreicht: wir visieren eine Postwachstumsgesellschaft an, also Wirtschaftsschrumpfung und Relokalisierung von Lebensfunktionen. Wir werden weniger Verwaltungen, Büros, Finanzdienstleistungen, Shopping brauchen. In dieser Perspektive muss auch das Wohnen neu gedacht werden.

    Reines Wohnen als Unterbringung ist schon ökologisch nicht mehr zukunftsfähig. Wenn wir eine 2000 Watt-Lebensweise erreichen wollen, brauchen wir eine neue Ökologistik. Das heisst, dass mehr Alltagsfunktionen in den haushaltnahen Bereich, in die Nachbarschaft, zurückkehren sollten. Wohnen und Arbeiten verbinden sich örtlich. Neustart Schweiz hat dafür Konzepte: siehe «Nachbarschaften entwickeln!»

    Damit wohnliche Nachbarschaften leben können, brauchen sie eine gewisse kritische Masse. Wenn zu wenig Leute im Quartier wohnen, dann lohnt sich eine Nahversorgung schon kaum mehr. Die Situation im vorderen Kreis 5 ist noch nicht unumkehrbar.
     

    5 bis 7 Nachbarschaften sind möglich

    Gemäss statistischem Amt wohnen in diesem Quartierteil 2673 Personen. (Die neueste Kleinquartieranalyse ergibt etwas andere Zahlen.) Wenn wir noch die Überbauung Zollstrasse (150), und die SBB-Überbauung (130 Wohnungen, ca. 200 Personen) und eine leichte Verdichtung durch sanfte Ergänzungsbauten und bessere Raumausnutzung von 10% dazu rechnen, dann kommen wir auf mehr als 3000 Personen, mit der Überbauung Carpark (Alltag1) 3500 Personen: das macht fünf bis sieben Nachbarschaften. Eine erste grobe Gruppierung zeigt, dass 4 kompakte Nachbarschaften heute schon lebensfähig wären, wobei einzelne Wohngebäude schwierig anzugliedern bleiben (zum Beispiel diejenigen neben der Schule für Gestaltung). Jede dieser fünf Nachbarschaften hätte grob geschätzt zwischen 200 und 300 Wohnungen:

    Früher bestanden diese Nachbarschaften informell schon einmal, es gab mehrere Bäckereien, Milchläden, Gemüseläden, Metzgereien und Beizen, die ihnen zugeordnet waren. Man ging nicht für alles zum Limmatplatz. Alles, was man brauchte, war in einer Distanz von weniger als 100m erreichbar. Man kann sagen: die Migros hat die nachbarschaftliche Substanz des vorderen Kreises 5 liquidiert. Eine solche Nahversorgung ist heute kommerziell nicht mehr herstellbar, sie wäre jedoch unter anderen Bedingungen ökologisch sehr sinnvoll und könnte zu einem reichen Alltagsleben (aka Lebensqualität) beitragen. Die Migros ist nur dann effizienter und billiger, wenn man sie mit den zu Unrecht romantisierten Lädeli vergleicht, die als Kommerzbetriebe auf Preistreiberei angewiesen waren und die nur durch Ausbeutung von Familienmitgliedern überleben konnten. Wir können aber zusammen auch anders: eine Nachbarschaft hat einen Umsatz von Lebensmitteln von um die 2 Millionen. Im Mikrozentrum gebündelt und mit freiwillliger Mitarbeit unterstützt können solche Dienstleistungen in Pantoffeldistanz ökologische, logistische und kostenmässige Vorteile haben. Überdies fungieren sie als gesellschaftliche Treff- und Organisationspunkte und geben damit den Bewohner_innen mehr Gestaltungsmacht.

    Der vordere Kreis 5 ist kein Quartier: dafür hat er zu wenig Bewohner. Das Quartier des alten Kreis 5 erstreckt sich bis zum Viadukt, oder bis zur Hardbrücke. Das logische Quartierzentrum ist der Limmatplatz. Neben der Migros, die mit ihrer Cafeteria als eine Art Quartierzentrum funktioniert, bräuchte es dort noch ein selbstverwaltetes, nichtkommerzielles Zentrum im Stil von ABC (Anti-Boredom-Center, siehe: «The Power of Neighbourhood», 2013). Nachbarschaften sind also keine Quartiere, sondern eher alltagsorientierte ökologistische Einheiten.

    Die Stadt Zürich hat viele Quartiere oder Quartierteile, die ähnlich wie der vordere Kreis 5 daran sind ihre soziale Essenz zu verlieren oder sie gar nie gehabt haben (Neu Oerlikon). Die ganze Stadt braucht ein Nachbarschafts- und Quartierkonzept, wenn sie zukunftsfähig werden will. Dieser notwendige Wandel könnte sehr gut, und verkehrsmässig optimal erschlossen, im vorderen Kreis 5 getestet werden. Ironischerweise wäre ein solches Experimentierquartier (analog zu IBA-Projekten) sogar eine übergeordnete Funktion, die viele Besucher, Praktikanten und neue Bewohner anziehen könnte. Vielleicht würde sie sogar zum Ziel eines neuen Typs von Tourismus.

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    Wir schlagen also vor, dass der vordere Kreis 5 zu einem städtebaulichen Experimentierquartier wird

    Dabei werden unter anderem folgende Ziele angestrebt:

    • Wohnen und andere Nutzungen befinden sich in einem Gleichgewicht.
    • Das Quartier wird durch ökologisch und sozial integrierte Nachbarschaften strukturiert.
    • Es wird soziale Inklusion angestrebt: alle sollen hier leben können, insbesondere Menschen mit normalem oder niedrigem Einkommen. 10% des Wohnraums wird für sie reserviert.
    • Es bestehen Kostenmieten, es werden keine Renditen abgezogen.
    • Der Carparkplatz wird durch eine Genossenschaft als Modellnachbarschaft überbaut. Ein Bus-Terminal kann eventuell unterirdisch realisiert werden.
    • Die Stadt kauft alle für dieses Ziel nötigen Areale auf und bietet sie Genossenschaften im Baurecht an.
    • Die bestehenden Bauten bleiben weitgehend erhalten, können jedoch durch Umbauten, Ergänzungsbauten, Aufstockungen usw. nachbarschaftstauglich gestaltet und leicht verdichtet werden. (Vorbild: Dreieck)
    • Der Verkehr wird weiter beruhigt.
    • Der Umbau dieses Gebiets wird durch einen partizipativen Prozess, der heutige Bewohner, Nutzer und andere Beteiligte (Stadt, Stadtbewohner, Genossenschaften usw.) einbezieht, gestaltet. Dafür schafft die Stadt die nötigen bezahlten Stellen für unterstützende Fachkräfte (Planer, Architekten, Ökonomen, Gemeinwesenarbeiter usw.).

    Warum ein so ambitiöses Gesamtkonzept? Die Alternative wäre eine rein defensive Strategie, die einzelne Wohnhäuser als Nischen zu retten versucht. Den Begehrlichkeiten der Immobilieninvestoren kann nur mit einem breit abgestützten, eigenständigen Planungskonzept begegnet werden. Vergessen wir AJZ und Wohlgroth und blicken wir in die Zukunft!

     
     
    ^ Alltag 1

    500 Menschen wohnen und arbeiten auf dem Ex-Carparkplatz

    Eine Nachbarschaft beim Bahnhof. Der Carparkplatz wird ins Untergeschoss verlegt

    Seit dem Abbruch des AJZ steht die Nutzung des provisorisch als Carparkplatz dienenden Areals beim Hauptbahnhof zur Debatte. Es waren damals ja «Familienwohnungen» versprochen worden - wie immer, wenn die Stadtregierung ein unpopuläres Projekt schmackhaft machen will (siehe Hardturmstadion). Inzwischen wurde dort das Kongresszentrum vorgeschlagen – die Stadt ist dagegen, aber private Investoren sind immer noch fleisssig am Planen.

    Wir sind dafür, dass die ursprünglichen Versprechen gehalten werden. Das Areal (ca. 0,9 ha, inklusive Parkhaus) eignet sich sehr gut für ein Stück lebendige Stadt. Der Sihlquai kann – wie am Bahnhofquai – in einem Tunnel versorgt werden. Eventuell kann ein Busterminal unterirdisch gebaut werden – wie z.B. in New York. So kann ein Areal, das ein Stück Ausstellungsstrasse und die ehemalige Sihlquaistrasse umfasst, überbaut werden. Das ergibt mehr als eine Hektare, genug Platz für Wohnraum für 500 Personen.

    NeNa1 schlägt eine Blockrandbebauung vor, mit einem geräumigen Innenhof und Erdgeschossnutzungen, die einerseits der Genossenschaft, andererseits aber auch der ganzen Stadt dienen, denn der Ort ist als Gegenüber des Landesmuseums von besonderem Reiz. So stellen wir uns entlang der Sihl Sihlarkaden mit einer Terrasse vor, die das ganze Jahr zum Flanieren einladen. Statt kommerzieller Nutzungen können dort 11 Kabinette eingerichtet werden, die verschiedenen Themen und Gruppierungen zur Verfügung stehen und die je nach dem öffentliche oder private Treffen abhalten. Je eine Gruppierung betreut ein Kabinett (einen Raum von vielleicht 40 m2), wo sie ihre Bibliothek oder ihre Sammlung einrichten kann und wo sie das Publikum zu Sessionen oder Salons einlädt. Themen wären zum Beispiel: Ornithologie (Reiher beobachten), Linksbüchnerianismus, Kaffeedeckelikunde, russischer Kosmismus, Urbanologie, Alpinismus, Lacan, Klöppeln, Kalligraphie, Heraldik usw. (Das elfte Kabinett muss allerdings leer bleiben, es ist dem «Grossen Anderen» gewidmet.) Selbstverständlich betreibt Alltag 1 gleich nebenan eine Konditorei mit Sihlterrasse, genau unter ihrer Gästepension (20 Zimmer). Da kann man sich bei Crèmeschnitten von den Diskussionen in den Kabinetten erholen.

    Der Innenhof wird von der Genossenschaft als Kräutergarten, Hühnerhof, Werkhof und Bad benutzt. Der Durchgang ist öffentlich, aber einige Nutzungen sind privat. Entlang der Limmatstrasse und der neuen Werkgasse (zwischen Alltag 1 und Holzkollektiv) erstrecken sich das intern/externe Mikrozentrum mit Lebensmitteldepot (500 m2), Lounge/Restaurant, Bar, Bibliothek, Wäscherei usw. (insgesamt sind das um die 1200 m2).

    Es bleibt noch Raum übrig für passende kommerzielle oder städtische Nutzungen (Kinderhort, Kindergarten, Spitex usw.).

    Mit dem Alltag 1 beginnt der Kreis 5, so wie wir ihn schätzen: viel Diversität, Zugänglichkeit, Gemütlichkeit, Entspanntheit. Es braucht an dieser Stelle keinen besonderen Leuchtturm, sondern eben ein Stück Normalität. Kooperatives Leben in der Stadt soll möglich werden.

    Gemäss dem Konzept von NeNa1 entsteht eine sozial und ökologisch zukunftstaugliche Nachbarschaft: nicht mehr als 35 m2 Wohnraum pro Person, ökologische Bauweise, erweiterte Haushaltinfrastruktur (Mikrozentrum), selbstverwaltete Alltagsnutzungen im Erdgeschoss, mehr Arbeitsplätze an Ort und Stelle, Nahrungsmittelbelieferung durch Vertragslandwirtschaft, unterschiedlichste Wohnformen mit einem Akzent auf kleineren Wohnungen, kompensiert durch mehr gemeinsam genutzte Räume.

     
     
    ^ Alltag 2

    700 Menschen ziehen auf dem Areal der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage ein

    Eine grosse Nachbarschaft auf dem Gelände der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage

    Im Jahr 2020 soll die Kehrichtverbrennungsanlage an der Josefstrasse abgebaut werden. Bis dahin sollten wir bereit sein, umgehend mit einem Neubau zu beginnen. Das Areal ist relativ gross: 1,4 ha, hat also Platz für Wohnraum für 700 Personen. Hier kann der Kreis 5, wie er mit Alltag 1 beginnt, jenseits des Viadukts fortgesetzt werden. Die Lärmbelastungen durch die Bahn auf dem Viadukt und den Autoverkehr auf der Neuen Hard können kompensiert werden durch eine Bebauung, die auf zwei Höfen basiert. Der Westhof (Introhof ) ist ganz der Ruhe und Kontemplation gewidmet: hier wird nicht gewerkt und gespielt, sondern nur gebadet und meditiert. Von fünf individuellen Meditationshäuschen aus kann über den Hard Rock, einen Findling aus der Hard, meditiert werden. (Hard heisst ursprünglich «Allmende»: die ganze Gegend westlich des Bahnhofs gehört eigentlich uns allen. Darüber könnten wir dort intensiv nachdenken.) Der Osthof (Extrahof) öffnet sich zum Viadukt und der Josefswiese, er ist ein Werk- und Aktionshof mit Halfpipe, Werkstätten, Kinderspielmöglichkeiten, Schweinen und Hühnern. Hier soll man sich kreativ und rekreativ austoben können.

    Zwischen den zwei Höfen liegt die Emmagasse, die zum Minnaplatz führt, der zugleich das Mikrozentrum von Alltag 2 ist. Die Gasse ist eng, der Platz ein intimes Nachbarschaftsplätzchen; beide sind selbstverständlich öffentlich und tragen zum Quartierleben bei. Alltag  2 nimmt die Blockrandstruktur des Kreises 5 auf und verbindet öffentliche, halböffentliche und private Nutzungen.

    Gemäss dem Konzept von NeNa1 entsteht also auch hier eine sozial und ökologisch zukunftstaugliche Nachbarschaft: nicht mehr als 35 m2 Wohnraum pro Person, ökologische Bauweise, erweiterte Haushaltinfrastruktur (Mikrozentrum), selbstverwaltete Alltagsnutzungen im Erdgeschoss, mehr Arbeitsplätze an Ort und Stelle, Nahrungsmittelbelieferung durch Vertragslandwirtschaft, unterschiedlichste Wohnformen mit einem Akzent auf kleineren Wohnungen, kompensiert durch mehr gemeinsam genutzte Räume.

    Da die Viaduktbögen schon vielfältige kommerzielle und auch einige öffentliche Nutzungen enthalten, sind die Erdgeschosse entlang der Josefstrasse und der Neuen Hard ganz der neuen Quartierökonomie gewidmet. Sicherlich findet ein Kindergarten/Kinderhort Platz (zum Beispiel an der Viaduktstrasse/Extrahof). Ein Gesundheitszentrum, eine allgemeine Reparaturwerkstatt, städtische und quartierbezogene Nutzungen (Recycling, Möbeldepot, Trainingsräume).

    Je nach dem, ob THEMA (Textil, Holz, Elektr(on)ik, Metall, Anderes) auf dem Hardturmareal zustande kommt, kann entlang der Neuen Hard die multifunktionale Werkgenossenschaft für den ganzen Kreis 5 eingerichtet werden. (Siehe auch: Fna, Cro & Pni)