Leutschenbach: Ein neues Stadtquartier

Im Quartier Leutschenbach will die Stadt Land im Baurecht vergeben, das an sich genügend gross ist; es handelt sich um das Projekt Thurgauerstrasse West. Im Frühjahr 2015 wurde eine Testplanung vorgelegt. Wir haben uns damit befasst und den entsprechenden Stellen eine Stellungnahme zugesandt mit dem Hinweis, dass wir uns bei der anstehenden Ausarbeitung des Gestaltungsplanes gerne beteiligen würden. Bisher ist die Stadt leider nicht auf unser Angebot eingetreten.

Unsere Überlegungen zur Testplanung an der Thurgauerstrasse-West


Gedankenspiele: Wenn nur schon einige der benachbarten Grundstückbesitzer mitmachen, würde die Siedlung zusätzlich gewinnen

Bildlegende:
N Drei Nachbarschaften, errichtet von drei unterschiedlichen Genossenschaften.
S Schulhaus. Gegenüber der Testplanung ist hier der Schulweg kürzer. Die gut befahrene Thurgauerstrasse kann über eine Brücke überquert werden, die sich durch die höhere Ausnützung des Grundstücks finanziert.
T Tramhaltestelle Oerlikerhus an der Thurgauerstrasse.
P Bereits bestehender Leutschenpark.
L Quartierzentrum ABC «Loshumba»

Es ist erfreulich, dass die Planung ein Areal von grosser Dimension betrifft und dass städteplanerische Absichten im metropolitanen Stil verfolgt werden. Es soll Stadt am bisherigen Stadtrand entstehen. Die angestrebte Dichte ist ein wertvoller Beitrag zur Belebung des entstehenden Quartiers Leutschenbach.

Die Gliederung in Ensembles mit je einem Hof ist sinnvoll und erlaubt es verschiedenen Bauträgern je ihre eigene Interpretation zu verwirklichen. Die beweglichen und toleranten Mantellinien, die Geschosszahlen (abgesehen von den Hochhäusern), die Masse und die Gestaltung eines Verbindungswegs zwischen Höfen und Schule erlauben verschiedene Wohnformen und bilden spannende Ecken, Gassen und Durchgänge.

Hochhäuser? Nicht notwendig

Mittelhohe Hochhäuser bis circa 80 Meter sind 10 bis 15% teurer pro m2 Nutzfläche als «normale» Häuser. Diese Mehrkosten können sich lohnen, wenn mit normalen Häusern die Ausnutzung nicht erreicht werden kann oder andere spezielle Schwierigkeiten mit dem Baugrund oder dem Grundstück vorliegen. So geschehen beim Tramdepot Escher-Wyss, wo die Stadt aus Kostengründen Hochhäuser ausschloss, dann aber bei den eingereichten Projekten feststellte, dass die Hochhausvariante vermutlich sogar günstiger ist, weil die anderen Projekte eine aufwändige Abfangung über der Tramhalle benötigen. In Leutschenbach gibt es solche Gründe nicht.

Hochhäuser brauchen mehr graue Energie in der Erstellung und mehr Betriebsenergie. Die Statik und die Gebäudetechnik ist aufwändiger. Einen Teil diese Mehraufwands kann durch die hohe Kompaktheit aufgewogen werden.

Bei Wohnhochhäusern stösst diese Optimierung allerdings an Grenzen. Wohnhochhäuser generieren zu grosse, ineffiziente und nicht optimal orientierte Wohnungen.

Ungnügend finden wir die Grösse der Höfe (nur je knapp 1000 m2), die sehr beengend wirken, kein richtiges Hofleben (im Spannungsverhältnis zum Strassenleben) erlauben, sehr schattig sein werden und kaum haushaltnahe Agrarnutzungen (Kräuter, Beeren, Hühner) zulassen. Diese Enge hat wohl mit dem gesamten Perimeter der Planung zu tun, der zu schmal ist (siehe unten mehr dazu). Die Hochhäuser, die wohl ebenfalls die angestrebten Flächen unterbringen sollen, finden wir aus Gründen der Kommunikation, der inneren Organisation und aus Kostengründen nicht optimal. Sie haben hier wohl die Funktion einer kompensatorischen Verdichtung, weil man bei zu hoher Geschosszahl gegenüber den Einzelhäusern Einsprachen befürchtet. Für Genossenschaften ideal sind Geschosszahlen zwischen 5 bis 8 (bis 30 m Höhe). Hochhäuser sprengen als Solitäre das bauliche Ensemble, das sich an der hohen Qualität von innenstädtischen Siedlungen orientieren sollte.

Auch die sehr grosse Gebäudetiefe (18 m) hat mit der beengten Situation zu tun und wird nur schwierig auszunützen sein.

Den deklarierten Boulevard an der Thurgauerstrasse halten wir für illusorisch. Am Stadtrand (und das kann man nicht wegdiskutieren) gibt es nirgendwo Boulevards. Echte Boulevards würden ein Erdgeschossnutzungskonzept von gesamtstädtischer Bedeutung und Anziehungskraft bedingen: Boulevard der Mode, der Gastronomie, der Inneneinrichtung, der Luxusaccessoires usw. Die Thurgauerstrasse wird immer eine Ausfallstrasse bleiben; statt die Achse zu betonen, ist es besser ihren Charakter als Strassenflucht zurückzunehmen und mit geeigneten Massnahmen zu verwischen, sie also wohnlicher zu machen. Die begrünte Tramspur von heute deutet jetzt schon eher in diese Richtung als in diejenige eines grosstädtischen Boulevards. (Hat jemand auf Pariser Boulevards schon Tramlinien auf Rasenstreifen gesehen?)

Der so angekündigte «Quartierpark» (am Rande des Quartiers) ist überflüssig, unattraktiv von der Lage her, kaum brauchbar. Zudem verdünnt er das urbane Ensemble der neuen Wohn- und Gewerbebauten und bringt Ruhe, wo gar niemand Ruhe sucht. Er beansprucht Grünfläche, die in belebten Höfen viel besser nutzbar wäre, auch als Ersatz für die heutigen Familiengärten.

Die Lage der Schule am Südrand ist ungünstig wegen des Schulwegs, weil die Schüler aus der neuen Überbauung (2400 Personen ergeben 200 Schüler) den ganzen Weg hinunter gehen müssen und Schüler aus Leutschenbach ebenfalls nicht aus dem Süden, sondern aus dem Osten kommen werden. Die Schule sollte also mehr in die Mitte rücken und mit Leutschenbach verbunden werden, wo es überdies schon einen grossen, unternutzten Quartierpark am richtigen Ort hat. Eine breite Brücke über die Thurgauerstrasse (siehe unten) würde einen schönen, sicheren und kürzeren Schulweg bringen. Wenn es eilt, können auch provisorische Pavillons aufgestellt werden, die nicht nur flexibler sind, sondern auch sehr gut aussehen.

Insgesamt sind die grosszügigen Dimensionen, die angestrebte Dichte und einige Gebäudemantellinien situationsgerecht, die ganze Planung ist aber städtebaulich unbefriedigend.

Wir möchten daher anregen, die Testplanung noch einmal zu überdenken und vor allem zu versuchen, den Perimeter auf das städtebaulich logische Areal auszuweiten.

Potenziale ausschöpfen

  • Möglichst Grundstücke westlich bis zur Bahnlinie einbeziehen
  • auf Park verzichten, dafür grössere Innenhöfe und mehr Platz für Blockrandbebauungen
  • Schule in die Mitte
  • Verbindung mit einer breiten Brücke zum Leutschenpark und zum neuen Zentrum Leutschenbach (Loshumba, siehe unten)

Es ist stossend, dass der städtebaulich grosszügige Perimeter nicht auch die Einzelhäuser bis zur Bahnlinie miteinbezieht. Eine echte urbane Planung kann sich nicht als Rand zu einem Einfamilienhausteil verstehen. Die angestrebte urbane Dichte wird so nicht wirklich erreicht. Es ist daher dringend, dass das Gespräch mit den Besitzern noch einmal gesucht wird.

Nur wenn schon einige Nachbarn mitmachen, könnten grössere Projekte für mehr als 2000 Personen entstehen, die erst noch taugliche Innenhöfe (3000 m2 bei 30 m Gebäudehöhe) hätten. Da diese Höfe ja mit öffentlichen Wegen verbunden sein werden, entstehen statt eines langweiligen Parks mehrere unterschiedliche, spannende Kleinparks mit vielen möglichen Nutzungen. Grüne Innenhöfe sind wichtig als Gegenpol zu harten urbanen Strassensituationen, als Rückzugsgebiete und auch als leicht zu überwachende Räume für Kinder (sofern die Eltern nicht in einem Hochhaus wohnen müssen). Ohne den Park gäbe es nun genug Platz um auf Hochhäuser und extreme Gebäudetiefen verzichten zu können und wirklich konviviale Lebensräume mit Innenstadtqualitäten (Kreis 4 oder 5) zu schaffen.

Statt eines Boulevards kann eine Strassensituation geschaffen werden, die sich mehr auf die Projekte und ihre Eigenarten (siehe unten) bezieht statt auf die blosse Verkehrsachse. Wir schlagen daher in der Mitte des Areals (Höhe Örlikerhaus) eine breite, begrünte Brücke (wie im Irchelpark) vor, die zum Leutschenpark und zum Zentrum Leutschenbach (siehe unten) führt. Von dieser Brücke aus kann die Tramhaltestelle mit Treppen und Liften bequem und sicher erreicht werden. Die strassenseitige Gestaltung der Gebäude soll mit Vor- und Rücksprüngen, Loggien, Erkern, Betonung der Seitengassen usw. mit der Brücke zusammen dazu beitragen, dass die Thurgauerstrasse als trennende Schneise im Quartier sozusagen «verschwindet».

Wenn die Privathäuser einbezogen und auf den Park verzichtet wird, hat es auch genug Platz für einen schönen Pausenplatz für die Schule. Schulen brauchen keine Parks.

Ein «kooperativer Strang»

NeNa1 kann es sich sehr gut vorstellen mit anderen Genossenschaften zusammen eine Art «kooperativen Strang» entlang der Thurgauerstrasse zu entwickeln. Unser Konzept besteht darin eine haushaltnahe Logistik aufzubauen, die den Anforderungen einer 2000-(oder 1000-)Watt-Gesellschaft gerecht werden kann (siehe: Nachbarschaften entwickeln! 2014).

Unser Konzept sieht vor, dass wir im Erdgeschoss auf einer Fläche von mindestens 1000 m2 ein Mikrozentrum betreiben, das folgende Funktionen umfasst: Lebensmitteldepot, Küche + Restaurant + Mehrzweckraum, Bäckerei, Wäscherei, Tauschdepots für Kleider, Möbel, Haushaltgeräte, Medien, eigene Werkstätten, Büroarbeitsplätze für Bewohner usw.

Diese Flächen werden von den Bewohnern im Rahmen von Nebenkosten getragen, müssen also kommerziell nicht rentieren (was sowieso heute bei Erdgeschossnutzungen im urbanen Raum kaum noch realistisch ist).

Diese Nutzungen werden die Erdgeschosse entlang der Thurgauerstrasse und an den Seitengassen ganztäglich beleben und Ankernutzungen auch für privates Gewerbe bieten.

Bis Mitte 2016 werden wir ein anwendungsreifes Betriebskonzept erarbeitet haben, das wir auch anderen interessierten Genossenschaften gerne anbieten.

Unser Konzept sieht zudem vor, dass sich NeNa1 mit Bauern der Region verknüpft um einen Grossteil der Nahrungsmittel direkt zu beziehen. Diese werden im Mikrozentrum verarbeitet. Wenn wir die heutigen Ausgaben für Nahrungsmittel als Basis nehmen, dann beträgt der Umsatz eines solchen Mikrozentrums um die 2 Millionen (300.– × 12 × 500 = 1‘800‘000.–).

Das Mikrozentrum ist selbstverständlich öffentlich zugänglich und leistet so einen Beitrag zur Belebung des ganzen Quartierteils.

Die Thurgauerstrasse vom Quartier Leutschenbach her denken

Im Dreieck von Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz, Örlikon Ost und dem Südende des Glattparks entsteht ein neues Stadtquartier mit um die 10‘000 Bewohnern. Die Überbauung Thurgauerstrasse muss als westlicher Rand dieses Quartier verstanden werden.

Was diesem Quartier allerdings fehlt, ist ein belebtes, attraktives Zentrum. Der Leutschenpark kann diese Funktion nicht übernehmen: ihm fehlen Alltagsfunktionen, Dichte und Frequenz.

Um städtebauliche Total-Bankrotte wie jene in Örlikon Nord, Zürich West oder Affoltern zu vermeiden, schlagen wir vor, ein solches Zentrum auf dem Heineken-Areal, wo heute einige Schuppen und eine Containersiedlung für Asylbewerber stehen, aufzubauen.

Ohne Zentrum kein Quartier. Dass ergänzende Alltagsfunktionen in Fussdistanz erreichbar sind, ist ökologisch relevant, weil es Transporte spart und Synergien ermöglicht.

Typischerweise haben Quartierzentren folgende Eigenschaften:

  • zu Fuss in 10, mit Fahrrad in 3 Minuten erreichbar
  • kleiner, geschlossener Platz (kein Park)
  • ABC (siehe ABC – Loshumba)
  • Fair Trade Store (2000 m2): importierte Lebensmittel (Ergänzung zu den Mikrozentren)
  • Gesundheitszentrum inklusive Spitex-Standort
  • Bürgerzentrum (Polizei, Gericht, KESB, soziale Dienste, Regionale Arbeitsvermittungszentren usw.)
  • Post/Bank
  • Cluster von Spezialläden (je nach dem öffentlich, genossenschaftlich oder auch privat) 


ABC – Loshumba*

Ein Quartierzentrum erfüllt nicht nur logistische Alltagsfunktionen, sondern ist auch ein soziales, kulturelles, politisches, ja intellektuelles, Zentrum. Ein solches Zentrum nennen wir ABC (Anti-Boredom Center).

Gemäss dem Konzept von Neustart Schweiz hat jedes Quartier auf der Welt (450‘000) sein ABC, aber jedes ABC ist natürlich verschieden. Sie sind im Kern öffentliche Einrichtungen, private Unternehmungen können sich angliedern. ABC sind baulich kompakte Strukturen, in denen sich einzelne Elemente aufeinander beziehen können. Mehrere Geschosse sind erforderlich. Elemente sind:

  • angrenzend an Quartierplatz, mit Öffnung zum Platz (Arkaden, Loggia, Terrasse)
  • Hauptsalon von ca. 500 m2 mit verschiedenen Nischen, Lounges und Ecken, kleine, mobile Bühne (kein Konsumationszwang)
  • Worldwall: eine Wand als Projektionsfläche für Webcams aus anderen ABCs (weltweiter Online-Kontakt)
  • Bar, Restaurants, kombiniert mit dem Fair Trade Store
  • World Hotel (50 Zimmer, Rezeption an der Bar)
  • Conviviality College (eine Art Volkshochschule auf Gegenseitigkeit)
  • Mediathek (sowohl für das College als auch für das Quartier)
  • Spezialläden, kleine Restaurants, Kioske, Coiffeure, Imbissstände, Boutiquen
  • Versammlungsräume aller Art (multispiritueller Raum, philosophische Kabinette, Sitzungszimmer, Kurszimmer, Jugendkeller auf der Rückseite)
  • kleines Kino

Genau so, wie sich Nachbarschaften auf Quartierzentren beziehen, beziehen sich ABCs auf die Welt.
Das Areal südlich des Leutschenparks, das der Stadt gehört, wäre für ein ABC und andere Zentrumsfunktionen das einzige, das in Frage kommt. Die bisher vorgesehenen Projektierungen** können so angepasst werden, dass Loshumba möglich wird. Wir können es uns sogar vorstellen unser Genosssenschaftsprojekt auf dem selben Areal zu realisieren.

Hier könnte das Quartier Loshumba als solches erst wirklich entstehen. Loshumba wäre eine stadtweite und weltweite Premiere. Aus dem Aschenputtel am Stadtrand wird eine Prinzessin.

Unser Anliegen besteht darin zu einem neuen Stadtquartier von hoher Qualität in ökologischer und sozialer Hinsicht beizutragen. Es geht uns nicht nur darum Wohnungen zu schaffen und Bauplätze für Genossenschaften zu finden.

* Loshumba: als wir Bewohner der Asylunterkunft nach ihrem Wohnort fragten, antworteten sie: «Loshumba!» (= afrikanisch ausgesprochenes «Leutschenbach». Auf Swahili heisst «Lo, shamba!» zufälligerweise: «Wow, ein Stück Land!»)
** Leutschenbach Mitte, Wettbewerbsprojekt «SOUQ»