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Am 29. November stimmt Zürich über den Gestaltungsplan für die Thurgauerstrasse ab. Unter den Gegnerinnen sind die IG Grubenacker, die Grünen, die AL und NeNa1. Weil es an anderer Stelle schon genügend Argumente gibt, erzählen wir hier unsere persönliche Thurgi-Geschichte in der Hoffnung, sie möge erheitern und zum Nachdenken anregen.

Die Geschichte beginnt im Frühjahr 2015, als wir von Vertretern von Politik und Verwaltung zu einem kleinen Kaffeekränzchen im Werdhochhaus eingeladen wurden. Was hier genau passiert war, wurde uns erst viel später klar. Unmittelbar danach kam es uns jedenfalls so vor: Ein hochrangiger städtischer Politiker hatte uns ermutigt, den Dialog mit der Projektleitung zu suchen, um dem Gestaltungsplan etwas mehr Pfupf zu verleihen. Die Testplanung war damals gerade in der Mache.

Versucht haben wir es. 2015 und 2016 rannten wir immer wieder gegen die Mauer an, jedoch ohne Erfolg. Am anderen Ende nahm niemand ab. Man war offenbar entschlossen, das Projekt durchzuziehen, obwohl sich sogar einer der Architekten der Testplanung unzufrieden damit zeigte.

Dafür gab es an anderer Stelle Erfolge zu vermelden. Im Mai 2016 lernten wir an unserem Anlass Wie wollen wir in Leutschenbach leben? die IG Grubenacker und kritische Teile der SP kennen. Das Wissen, dass wir nicht als einzige unzufrieden mit der unausgeglichenen und uninspirierten Testplanung waren, gab uns neuen Auftrieb.

Und so versuchten wir es abermals: Ende 2016 beteiligten wir uns zur gleichen Zeit wie viele andere Gruppierungen am offiziellen Anhörungsverfahren zur Testplanung. Die Stadt benötigte ein ganzes Jahr, um die Einwendungen zu verarbeiten, bis sie im Dezember 2017 den Bericht zum Verfahren veröffentlichte. Man könnte ihn folgendermassen zusammenfassen: Uns sind eure Anliegen eigentlich egal, aber damit uns das niemand nachsagen kann, gehen wir ein paar Zentimeter auf euch zu.

Brunch_Plus
Referendum_Thurgauerstrasse_vertikal

Und so ging die Testplanung in den Gestaltungsplan über. 2018 wurden sogar schon die Architekturwettbewerbe für Schulhaus und Quartierpark abgeschlossen. Diskutiert wurde nur noch der Gestaltungsplan für die Wohn- und Gewerbeanteile. Aber wie! «Partizipativ» wie von der Stadt gelegentlich behauptet war die folgende Phase allerdings nicht - ausser freilich, man definiert Teilhabe über die Erlaubnis, Frontalpräsentationen zu lauschen. Der mit NeNa1 befreundeten IG Grubenacker gelang es 2019 sogar, einen Workshop mit André Odermatt auf die Beine zu stellen. Auch dieser verlief aber nach dem Motto «Auch wenn du in den Wald rufst, schallt nichts heraus». Irgendwie tragikomisch auch die Volte aus dem Sommer 2019, als der Gemeinderat die Weisung zum Gestaltungsplan an die zuständige Kommission zurückwies - ein Novum in der Zürcher Politikgeschichte.

Ein weiteres Jahr wurde gewurstelt, 2020 ist es endlich soweit: Das Referendum gegen den Gestaltungsplan ist zustandegekommen und Ende November stimmen wir ab. Das Motto ist vielleicht ein bisschen plakativ geraten, denn Verdichtung ist ja an sich etwas Gutes. Dass das bisherige Vorgehen rücksichtslos war, können wir aber vorbehaltlos bestätigen - und dass der Gestaltungsplan auch aus unserer Sicht nach wie vor nichts taugt, auch.

Wie wir gesehen haben, verbindet NeNa1 und die Thurgauerstrasse eine lange und mühselige Geschichte. Wie müssen sich da erst die Anwohnenden fühlen, deren Anstrengungen teilweise noch viel weiter in die Vergangenheit zurückreichen? Man fragt sich schon, wieso man in einer so gut funktionierenden Demokratie wie der Schweiz immer nur Personen und Parteien wählen kann, bei einzelnen Themen und Projekten aber nur äusserst eingeschränkte Mitspracherechte mit geringen Erfolgsaussichten hat.

Was bleibt als Fazit der bisherigen Geschichte? Hier ein Vorschlag für drei Weisheiten:

  1. Projekte müssen stets durchgezogen werden.
  2. Partizipation ist ein dehnbarer Begriff.
  3. Wenn alle dagegen sind, war die Diskussion fruchtbar.

Möge die Geschichte im November eine Wende nehmen! Bitte stimmt ab, alle!

2 Kommentare

  1. Veröffentlich von Yannik Volken am 12. November 2020 um 20:00

    Ich finde ihr geht leider in die falsche Richtung. Als Genossenschaft könntet ihr euch für mehr gemeinnützigen Wohnraum engagieren, nicht weniger. Tausende Leute finden keine Wohnung, das führt dazu, dass die Mieten immer teurer werden. Immer mehr Grünflächen im Kanton werden zugebaut. Und diese neu entstehende, relativ dünn besiedelte Agglo ist kaum noch FussgängerInnenfreundlich. Die Folge: Immer mehr Autos, was wiederum zu noch mehr Zersiedelung und damit noch mehr Autos führt.

    Ich finde das Projekt auch nicht toll, aber ich würde genau das Gegentel fordern: Baut noch höher und verringert den Abstand zwischen einzelnen Gebäuden. Nur ein sehr dicht gebautes Quartier (wie die Altstadt) ist zu Fuss und mit Velo gut durchquerbar.

    • Veröffentlich von Robert am 16. November 2020 um 8:57

      Lieber Yannik

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Wir sind wie wahrscheinlich alle Genossenschaften absolut für mehr gemeinnützigen Wohnraum – und als NeNa1 sind wir obendrein für mehr Verdichtung. Wie man am von dir zitierten Beispiel der Zürcher Altstadt sieht, ist es allerdings sehr gut möglich, gleichzeitig dicht und attraktiv zu bauen. Wir sind nicht gegen den Gestaltungsplan für die Thurgauerstrasse, weil er zu viel Dichte vorsähe, sondern, weil wir glauben, dass er keine gute Grundlage für ein funktionierendes städtisches Quartier bietet. Auch die Alternativvorschläge der IG Grubenacker sehen übrigens Verdichtung an diesem Ort vor. Hochhäuser sind einfach eine sehr teure und sozial oft problematische Art, zu verdichten. Blockrandbebauungen funktionieren in beider Hinsicht viel besser, werden aber durch den aktuellen Gestaltungsplan erschwert.

      Viele Grüsse,
      Röbi
      für den Vorstand

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